Mein Jahr ohne Fernseher

Die Beschallung und Berieselung durch Medien, denen der Mensch heutzutage ausgesetzt ist, nimmt immer mehr zu. Sogar in den U-Bahnhöfen gibt es zum Teil schon große Displays, in denen kleine Filmchen und Werbung gezeigt werden. Das Internet zieht nach; Videos haben sich längst von youtube ausgebreitet und finden sich auf immer mehr Seiten.

mein jahr ohne fernseherUnd abends setzt man sich dann noch vor den Fernseher und zappt sich durch die Kanäle. Nach ein paar Stunden ist man dann erschöpft, aber nicht unbedingt angenehm, sondern man verspürt nur eine dumpfe Müdigkeit und Leere im Kopf. Als mir eines nachts so richtig bewusst wurde, wie viel Zeit ich mehr oder weniger unnütz und nicht sehr unterhaltsam verbracht hatte, fasste ich einen spontanen Schluss: Ich würde ein Jahr lang nicht fernsehen.

Erste Entzugserscheinungen

Wie viele andere Menschen auch hatte ich mir angewöhnt, schon morgens den Fernseher anzustellen und beim Frühstück so nebenbei Frühstücksfernsehen zu sehen oder ab und an einen Blick auf die Nachrichten zu werfen. Ich ertappte mich natürlich bei dem automatischen Handgriff, aber tapfer widerstand ich der Versuchung und ließ das Gerät aus. Nach langer Zeit war ich morgens wieder ganz allein mit mir selbst und mit der Stille – es war ein eher befremdliches Gefühl.

Schnell stellte ich fest, dass ich den Begriff Fernseher umfassender definieren und auch die Angebote im Internet mit einschließen musste, wenn mein Experiment wirklich signifikant sein sollte. All die Filmchen, Videos und Nachrichten, die man sich im Lauf des Tages schnell mal eben ansieht, mussten also auch entfallen. Irgendwie kam ich mir fast schon blind vor.

Und der erste Abend war die größte Herausforderung. Ich saß in meinem Wohnzimmer und starrte auf meinen großen Flachbildschirm, der auffordernd zurück zu starren schien. Nach kurzer Zeit stand ich auf und strich unruhig durch die Wohnung auf der Suche nach Ablenkung und Beschäftigung. Dabei fiel mir nach langer Zeit auf, wie wenig andere Medien und Beschäftigungsmöglichkeiten übrig geblieben waren – die Anzahl interessanter Lektüre bewegte sich gegen Null.

Fazit eines ehemaligen Fernsehjunkies

Fazit eines ehemaligen FernsehjunkiesDie ersten Wochen waren wirklich hart, aber mein Jahr ohne Fernseher hat mir Dinge wieder geschenkt, die ich durch meinen exzessiven Fernsehkonsum schon verloren hatte. Mittlerweile lese ich wieder viel mehr, ich höre bewusst Musik, ich treffe mich wieder öfter mit Freunden zum Reden, ich besuche Kurse und interessante Abendveranstaltungen, ich habe morgens meine Zeit der Besinnung, um mich auf den Tag einzustellen.

Ob ich überhaupt noch fernsehe? Ja, aber ganz anders. Gezappt wird nicht mehr, der Fernseher wird nur noch angestellt, wenn ich gezielt eine bestimmte Sendung sehen möchte – und nicht, weil ich sonst nichts Besseres mit mir anzufangen wüsste. Ich habe die Herrschaft über meinen Geist zurück gewonnen und bestimme bewusst selbst, was ich konsumieren möchte und was nicht.